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Am Wall

Am Wall 77 - Erste und letzte Vorderlader-Langgeschosse

Erste und letzte Vorderlader-Langgeschosse

Text und Bilder: Herbert Jäger

Im Festungskrieg spielte die Artillerie die erste Geige und dies gleich in mehreren Rollen. Diese sahen in der Zeit der Glattrohrvorderlader und Vollkugeln so aus: Als Feldartillerie drängte sie den Feind zurück, bis er sich in seinen Festungen verschanzte. Denen rückte sie dann mit den schwereren Geschützen der Belagerungsartillerie zuleibe und schoss die Festung sturmreif. Dazu mussten erst die feindlichen Verteidigungsgeschütze als stärkstes Hindernis für den Sturm ausgeschaltet werden. Dies erfolgte durch deren „Demontieren" der Wall- und Kasemattgeschütze.

 

 

Das älteste überlieferte Bild eines Geschützes, ein „Feuertopf der ein Langgeschoss wie den Bolzen einer Wagenarmbrust verschießt, das durch die Einwirkung von Luftkräften auf seine (Metall-?) Flossen im Fluge stabilisiert wird. Bezeichnenderweise erfolgt dieser erste dokumentierte Einsatz auch gleich im Festungskrieg, gegen das stilisierte Tor einer Befestigungsanlag.
Im Original aus der Handschrift De Notabilitatibus, Sapientis et Prudentio Regum, 1326 von Walter de Milimete verfasst. (Bild aus „Guns von Dudley Pope)
 
 

Das Ziel der Demontierschüsse: Festungskanonen, die aus Scharten oder vom Wall „über Bank“ schießen

Die Menschen und Material schützenden Bauten zerschoss sie durch das „Demolieren" und die innere Grabenwand der Eskarpe zerstörte anschließend das „Breschieren", das mit sorgsam platzierten Schüssen von Vollkugeln ins Mauerwerk Vertikal- und Horizontalschnitte schuf, bis dieses schließlich unter seinem eigenem Gewicht nach unten rutschte.

Die Herstellung einer gangbaren Bresche durch „Schnitte“, senk- und waagerechte Reihen von Schüssen in die Eskarpenmauer

Dann schossen die Belagerungsbatterien weiter in das freigelegte Erdreich, bis schließlich nach Hunderten von Schüssen dieses weit genug herabgerutscht war, um „eine gangbare Bresche" zu schaffen, die die Infanterie endlich hinaufstürmen konnte. Alles vertraute Vorgänge.

Zuerst aber mussten die Geschütze der Festung ausgeschaltet werden, dies hieß das „Demontieren". Als winzige Ziele standen nur die tellergroßen Mündungen der Festungsgeschütze zur Verfügung, die mit den stark streuenden Vollkugeln aus den glatten Rohren nur sehr schwer zu treffen waren [1].

Nach enttäuschenden Versuchen mit den besser geführten Langgeschossen [2] 1834 in Metz und 1848 in Woolwich befasste sich 1852 auch die preußische Artillerie [3] damit. Das Ergebnis war Anlass „die große Trefffähigkeit des gezogenen 12-Pfdrs... als Folge der schraubenförmigen Fortschreitung der Geschosse und der Gleichförmigkeit ihrer Umdrehungsgeschwindigkeit.., auch auf glatte Röhre (sic) übertragen werden könne, wenn es gelänge, den .. Geschossen eine ähnliche Drehung zu erteilen.." So der Bericht von 1853. Erste Versuche mit Geschossen „nach dem Prinzip des Windfangs und der Turbine" zeigten nach 375 m Überschlagen und große Streuungen, weil die im Rohr durch die Pulvergase erteilte Drehgeschwindigkeit im Fluge durch den Luftwiderstand aufgezehrt und dann in die Gegenrichtung umgekehrt wurde. Nach weiteren Versuchen mit unterschiedlichen Geschossformen, außen wie innen, gelang es endlich 1853 bei Demontier-versuchen gegen Erdscharten auf 600 m mit 15 Schüssen 12 Treffer mit bedeutender Wirkung zu erzielen. Die Geschosse erhielten nun den Namen „Turbinengeschosse" und wurden mit einem Abstand von 78 mm vor der Treibladung (Vorderlader!) geladen. Eine bei diesen Geschossen auftretende konstante Seitenabweichung führte zur Benutzung eines „Aufsatzes" (Kimme) mit seitlich verschiebbarem Visier. Die Schussentfernung war 600 m, aus der für das Demontieren brauchbaren 1. Parallele. Schier endlos war die Anzahl der versuchten Geschosskonstruktionen: Waren es 1853 bereits 7 verschiedene, so kamen danach noch 44 weitere hinzu. „Diese besaßen auf der zylindrischen Mantelfläche parallele Reifen von dreiseitig rechtwinkligem Querschnitt, durch die die Granaten in Richtung der Bahntangente zurückgeführt werden sollten. Die Zahl dieser Reifen wechselte während dieser Versuche zwischen 3 und 22. Ihre Tiefe wechselte ebenfalls vielfach. Der äußere Durchmesser der Geschosse war stets 116 mm. Die Gesamtlänge differierte zwischen 133 und 281 mm; die Länge des vorderen massiven Kopfes und die der hinteren Höhlung war ebenfalls sehr verschieden. Die Kopfform war meist sehr stumpf kegelförmig...

Die Form und Weite des inneren Trichters variierte vielfach." [4] Im April 1854 beantragte die APK (Artillerie-Prüfungs-Kommission) die endgültige Annahme des Modells Nr. 32 für den (glatten) 12-Pfünder. Daneben sollten die Versuche fortgesetzt werden, um dafür den besten Spielraum zu ermitteln.

 

Das preußische 24pfündige Demontiergeschoss (aus H. Müller: „Die Entwicklung...“)

Und im August 1854 bestellte das Allgemeine Kriegsdepartement- mit Allerhöchster Genehmigung - eine größere Anzahl 12-pfündiger Turbinen-Geschosse, die jetzt die Bezeichnung „Demontiergeschosse" erhielten, um nicht die Aufmerksamkeit des Auslands zu erregen [5]. Im Frühjahr 1856 waren 8.000 Stück des 12-pfündigen, aber 9,4 kg schweren Demontiergeschosses [6] hergestellt. Den 12-pfündigen folgten bald 1854 6- und 1856 24-pfündige Geschwister, wobei letztere statt der nominellen 12 kg beachtliche 20,3 kg wogen und mit einer Gebrauchsladung von 2,35 kg Schwarzpulver verschossen wurden.

Die damalige Erklärung ihrer Bewegung war folgende (wieder nach Müller): „Das Geschoss erhält die drehende Bewegung durch das aus dem hinteren Trichter in die Drehlöcher strömende Pulvergas, welches sich bei seinem Austritt aus demselben an die Seelenwände des Rohres stößt und durch seine Rückwirkung die schon entstandene Drehung verstärkt." Also eine Drallerzeugung wie bei den zeitgenössischen drallstabilisierten Raketen nach Augustin [7] durch Pulvergase, die aber hier nicht nach hinten, sondern in entgegengesetzter Richtung nach vorn wirkten.

Der Verschuss von Langgeschossen aus glatten Rohren mag erstaunen, sollte er aber nicht. Schließlich begann damit die Ära der Pulvergeschütze, wie die älteste überlieferte Abbildung im Manuskript von Walter de Milimete von 1326 beweist. Aus einem flaschenförmigen Geschützrohr fliegt ein Bolzen wie von einer Wagenarmbrust, flossenstabilisiert durch Luftkräfte. Eine Lösung, die erst im 2. Weltkrieg in den deutschen Konstruktionen von Röchling- und Peenemünder Pfeil-Geschossen wieder auferstehen sollte [8], auf deren konstruktiven Spuren die flossenstabilisierten Wuchtgeschosse aller heutigen Panzerbordkanonen folgen.

Die Entwicklung der Turbinen-/Demontier-Geschosse war erfolgreich abgeschlossen, Streuung und Durchschlagsleistung befriedigten und der Einführung stand daher nichts mehr entgegen. Da aber erfolgte 1859 in Preußen ein Quantensprung von gleichzeitig Waffen-und Munitionstechnik: Die (später als C/61 bezeichneten) Hinterladergeschütze, die drallstabilisierte Langgeschosse abfeuerten. Diese waren schwerer als die Demontier-G. gleichen Kalibers. Die 24-pfündigen (ab 1871 als 15-cm bezeichnet) wogen jetzt als Lang-Granaten 27,75 kg, also das 1,4-fache mit entsprechend größerer Wirkung im Ziel. Damit war wieder einmal eine aufwendige Entwicklung erfolgreich bis zur Einführungsreife abgeschlossen worden, die anschließend aufgegeben wurde. Hier noch ein weiteres Beispiel dafür aus jüngster Zeit: Das deutsche Gewehr G 11 für hülsenlose Munition 4,73 x 33 mm von Heckler & Koch, mit dem ihr Autor selbst schießen konnte und auch überraschend gut traf.


Verweise:

[1] Hier lag noch die „Spielführung" vor, bei der die Kugel, wegen der Ablagerungen mit 2-3 mm Spiel geladen, sich im Zickzack durch das Rohr bewegte und jeweils entgegengesetzt zum letzten Berührungspunkt an der Mündung das Rohr verließ.

[2] Aber immer noch mit Spiel-, noch nicht mit „Presspassung"

[3] Angeregt ausgerechnet durch die ersten Versuche mit gezogenen Geschützrohren, den späteren C/61

[4] Originalton Müller, den Ihr Autor unmöglich verbessern könnte und daher gern übernimmt.

[5] Hier fallen uns andere Tarnbezeichnungen ein wie z. B.: „Kurze Marinekanone 14" für das 42-cm-M-Gerät

[6] Ein Langgeschoss von 280,2 mm Länge. Das ergab ein L/2,3 und damit gegenüber dem L/l einer Kugel eine entsprechend größere Querschnittsbelastung (siehe „fortifikation" 23 S. 72/73} und damit Geschosswirkung.

[7] und ab 1931 den durch Dralldüsen stabilisierten deutschen Schwarz pulver-Raketen der Do- und Nebelwerfer

[8] nachzulesen in „fortifikation" 20 ab der Seite 118

 

Das Festungsrätsel

Meerengen hatten es schon immer „in sich“ seit Odysseus in einer solchen die Heckbretter abgeklemmt bekommen hat und wenn Sie sich auf dem folgenden Bild an den Mittelmeerraum erinnert fühlen (wieso eigentlich?), liegen Sie gar nicht so falsch. Aber zur Sache:

Man kann ja schlecht ein derartiges Bauwerk nach seinen Koordinaten benennen, schon wegen der vielen Marschflugkörper, obwohl es die damals noch nicht gegeben hat. So wählte man mit feinem Humor einen Namenspatron, der zu den gefürchtetsten Seefahrern seiner Zeit gehörte, was er sicherlich der intensiven Ausbildung durch Barbarossa verdankte. Er übertraf diesen aber dann bei weitem, gewann und verlor große Gefechte, zerrte einmal seine Schiffe „über Land“ aus dem Belagerungsring (Donner und Doria!) und war sich auch nicht zu fein, die Überlebenden einer siegreichen Belagerung köpfen zu lassen, um dann die letzte in Europa aufgerichtete Schädelpyramide zu erstellen. Erst 1858 wurde die wieder abgebaut.

Gestorben ist er, weil ein wackerer Artillerist vermutlich mit Absicht auf die Gruppe fein gekleideter Herren schoss, die da weit jenseits einer anderen Engstelle am Wasser stand und den Fortgang der größten Belagerung der damaligen Zeit beobachtete. Man kann eben auch ohne Zugrohr seine Schießkladde füllen. Für die Belagerten war das ein großes Glück, denn sein Geschick war berühmt wie seine Grausamkeit, er hätte die Insel wahrscheinlich erobert. So aber wurde nichts daraus, die anderen waren halt doch nur Epigonen. Unser Vorteil, denn sonst wäre später wohl der einzige bekannte Kriminalroman, der unter Festungsfreun-den spielt, kaum je geschrieben worden. Dessen Handlungsrahmen entstand ja erst als Reaktion auf diese siegreich überstandene Belagerung.

Eine Batterie, die einen solchen Namen trägt, kann eigentlich nur an einem Ort stehen, der Geschichte geschrieben hat. Hat er, hat er, und eigentlich hätte man sie ja auch „Batterie Wehrle“ nennen können.

Aber wie heißt sie nun wirklich und wo steht sie?




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